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Chile per Rad - Carretera Austral

1.508 km Radreise - als Teil einer Weltreise mit dem Fahrrad - von der argentinischen Grenze an den Pazifik und mit der Fähre auf die Insel Chiloé, von deren Südende mit der Fähre zum Beginn der Carretera Austral, immer gen Süden über Coyhaique bis ans Ende aller Straßen nach Villa O´Higgins, mit dem Boot über den Lago O´Higgins und über Bergpfade bis zur argentinschen Grenze in Patagonien.


Reiseroute

Daten

16.11. - 10.12.2006 / 25 Tage

1.508 km

18.982 Höhenmeter

Höchster geradelter Punkt: 1.308 m

Reisebericht

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Fotogalerie


Bericht

Vom verschneiten Paso Cardenal A Samoré gings wieder bergab und dann über Osorno und Puerto Montt auf die zweitgrößte Insel Südamerikas, die Isla Grande de Chiloé. Bergauf und bergab gings durch kleinere Orte mit schönen bunten Holzhäusern ans Südende der Insel. Zeit hatte ich, denn die Fähre nach Chaiten zum Beginn der Carretera Austral auf dem Festland fuhr nur zwei Mal die Woche. Nach sechs Stunden langweiliger Überfahrt über den Pazifik rollte ich ins graue und verregnete Chaiten, ein kleiner Ort am Anfang einer der berühmtesten und faszinierendsten Schotterstraßen der Erde: die Carretera Austral! Es gab allerdings eine Sache, an die man gewöhnt sein sollte, wenn man hier mit dem Fahrrad lang wollte: Regen, Regen und noch mehr Regen!

 

Der Asphalt war hier zu Ende. Ab jetzt ging es auf dieser meist einspurigen Kiesstraße mit Schlaglöchern und Waschbrett durch den einsamen und gebirgigen Süden Chiles. Durch endlose Regenwälder gings vorbei an schneebedeckten Gipfeln, Gletschern und Lagunen. Landschaften von eisiger Schönheit, nur ein winziger Bruchteil der Chilenen lebten in diesem südlichen Drittel des Landes. Und ich sollte schnell erfahren, warum... In weiten Teilen, vor allem tief unten, stürmte es 60 Tage im Jahr und es fielen 5.000 mm Niederschlag jährlich. Die Sonne schien statistisch nur an 60 Tagen durch den deprimierend tiefen Wolkenmantel. Hier, südlich der Chiloé Insel begann die Zona de los Canales, die Zone der Kanäle, geologischer Wahnsinn aus zigtausend wild gezackten Inseln, gigantischen Fjorden, umtost von Pazifikwellen. Noch bis vor wenigen Jahren war es unvorstellbar gewesen, hier eine Straße anzulegen. Jetzt fuhr ich sie.

 

Nach zwei Tagen Radeln im Dauerregen riss der Himmel dann endlich auch mal auf und im Sonnenschein war diese atemberaubende Kulisse denn auch endlich sichtbar!

 

In Coyhaique, der einzigen wirklichen Stadt auf der gesamten über 1.000 km langen Strecke nach Süden, traf ich dann auf Astrid und Mewes aus Deutschland, mit dem Rad auf dem Weg von Alaska nach Feuerland. Drei Tage lang ließen wir es uns mit Torten, Bier und Wein bei Veronica in ihrer Hospedaje gut gehen. Meinen Hinterreifen hatte ich nach über 24.000 km schon unterwegs nach einigen Platten notdürftig reparieren müssen. Jetzt ließ ich ihn schweren Herzens bei Veronica zurück.

 

Zu dritt gings dann weiter nach Süden, jeden Tag holprig auf und ab durch endlose menschenleere Gebirgs-, Wald- und Fjordlandschaften. Oft kochten wir unsere Linsensuppe oder Spaghetti unter einem aufgespannten Tarp, denn es regnete eigentlich fast jeden Tag. Manchmal fanden wir abends eine provisorische, verlassene Holzhütte, in der wir Schutz vor der Kälte und dem Regen fanden. Hütten, die oft Überbleibsel eines unvorstellbar harten Lebens in der Einsamkeit waren. Ein Leben von Menschen, die dann doch irgendwann hatten aufgeben müssen. Die Regenjacke war oft zurückgelassen worden, Zeugnis dieses unerbittlichen Wetters.

 

In Cochrane deckten wir uns mit Vorräten für die letzten vier Tage auf der Carretera Austral ein und starteten durch, dem Ende der Straße entgegen. Selbst zu Fuß würde es dort nicht mehr weiter nach Süden gehen. Und nur noch ein einziger winziger Ort wartete auf uns am Ende der Straße. Nach zwei weiteren Nächten im Zelt und einer Nacht in einer uns vom chilenischen Militär zur Verfügung gestellten Hütte, in der wir uns nach der Flucht vor Regen und Kälte sogar ein Feuer im Ofen machen konnten, fuhren wir in Villa O'Higgins ein. Letzter Posten in der Einsamkeit, wolkenverhangen, verregnet und dem dauernd pfeifenden Wind ausgesetzt, nur weniger als 450 Menschen lebten hier, die Straße führte erst seit 1999 bis hierher. Hier gings nun endgültig nicht mehr weiter!

 

Zwei Tage lang steckten wir in dieser windgepeitschten Sackgasse fest, da das Boot, das normalerweise einmal pro Woche über den Lago O'Higgins näher an die argentinische Grenze fuhr, wegen zu starkem Wind nicht ablegte. Doch dann gings über den surreal türkisen See mit vom Sturmwind aufgepeitschtem hohen Seegang endlich weiter, drei Stunden lang vorbei an schneebedeckten Gipfeln in atemberaubend wild-schöner Landschaft! Am einsamen Grenzposten nahe der Anlegestelle sollten wir unseren Ausreisestempel bekommen. Straßen gab es hier nicht und so war das einzige Dienstfahrzeug der wenigen Beamten ein alter Traktor, mit dem sie sich das Nötigste, das das Boot ihnen ein Mal die Woche brachte, den steilen ausgewaschenen Weg hinauf zu ihrem Posten brachten. Wir wuchteten und schoben unsere Räder hinauf, bekamen den Stempel und dann konnte der Spaß beginnen...

 

Bis zum frühen Abend konnten wir noch größtenteils fahren, auf einem sehr schlechten Kies- und Erdweg gings in Kehren bergauf Richtung argentinischer Grenze. Doch um 18.00 Uhr war dann Schluss mit Fahren. Eine Grenzmarkierung und ein völlig deplaziert wirkendes "Willkommen in Argentinien"-Schild mitten im Nichts ließen uns wissen: Wir hatten es bis zur Grenze geschafft! Schnell ein Foto im Dauerregen, denn der wahre Spaß sollte erst hier beginnen...


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