32 Tage Norwegen per Rad
30.07. bis 30.08.2002


Tag 2: 31.07.02

Schönes Wetter erwartet uns auch an unserem ersten Morgen in Norwegen. Nach gutem Ausschlafen und einem gemütlichen Frühstück mit Müsli, Kaffee und Tee machen wir uns nicht ganz so freudig an den jedoch eher mässig erfolgreichen Versuch, unsere Reifen zumindest auf 4 bar zu bringen. Doch eigentlich wollen wir lieber endlich los und so wird dann auch schnell das Zelt abgebaut, alles zusammengepackt und die Räder beladen. Auf der 301 fahren wir über flaches Land durch Felder bis nach Helgeroa, wo wir zwei weitere Radler treffen, die auch auf unserem ersten Campingplatz übernachtet hatten. Sie hatten die Fähre nach Langesund gerade verpasst und warteten am Ableger, wo die Fähre dann eine Stunde später erneut ablegte und uns für 70 NOK mit Fahrrad mitnahm.

Dass Norwegens Preise, wenn sie nicht gerade auf einer staatlich subventionierten Autofähre verlangt werden, immer ziemlich variabel sind, sollten wir spätestens hier merken. Denn laut unserem aktuellen Cyklos Radführer kostet die Überfahrt nur 50 NOK, laut dem gestrigen Anruf der beiden Zeltnachbarn vom Campingplatz kostet die Überfahrt angeblich 65 NOK. Doch die ca. einstündige Fahrt sollte für den hohen Preis entschädigen, denn das Boot war gleichzeitig Postboot und so steuern wir bei strahlendem Sonnenschein mitten durch Norwegens Schärenküste, dicht vorbei an idyllischen Badebuchten und teils winzigen Inselchen mit nur einem oder wenigen bunten Ferienhäuschen darauf. In Langesund angekommen helfen uns die beiden anderen Radler dann mit einer auch für unsere französischen Ventile brauchbaren Luftpumpe aus. Einer der beiden war von Hamburg aus über Dänemark nach Schweden geradelt und von Göteborg aus waren sie dann bis hier gemeinsam gefahren. Nun sollte es für die beiden aus Zeitgründen weiter nach Skien gehen, wo sie mit dem Zug nach Kristiansand abkürzen wollten. Vielmehr als diese Schilderung der vergangenen und zukünftigen Wege ihrer und unserer Tour tauschten wir jedoch nicht aus. Irgendwie fanden wir nicht die gleiche Wellenlänge, so dass es auch nur bezeichnend war, dass wir uns, nachdem wir uns von den beiden verabschiedet hatten, nach der zweiten oder dritten Kurve auf einmal anschauen und uns auffällt, dass wir noch nicht mal ihre Namen kennen ...

Campingplatz Kjonnöya

Für uns geht es weiter auf der R352 und dann an der E18 bis Aby, wo wir Richtung Brevikstrand abbiegen und uns auf die Suche nach einem schönen, wilden Platz für unser Zelt machen. Doch der ist und ist nicht zu finden. Hin und wieder bietet sich ein nicht eingezäunter Vorgarten mit kleiner Wiese vor einem Haus an, doch überall wo wir fragen, scheint niemand zu Hause zu sein und direkt vor das Haus auf privaten Grund wollen wir unser Zelt dann ohne zu fragen auch nicht setzen. So fahren wir weiter durch mehr und mehr hügelige und felsige Landschaft, die da, wo keine Felsen sind, dicht bewachsen ist und so ein Zelten unmöglich macht. Endlich entdecken wir eine grosse Weide und klopfen am Bauernhaus, das direkt an der Weide steht. Doch niemand öffnet. Wir fragen den Fahrer eines vorbeifahrenden Wagens und er meint, der Besitzer der Weide würde gleich kommen, er hätte ihn eben noch getroffen. Er würde wohl nichts gegen das Zelten auf seiner Weide haben, aber fragen müssten wir halt schon vorher. Also warten wir. Doch es kommt und kommt kein Besitzer und so langsam sehnen wir uns dann doch nach einem warmen Essen und einem gemütlichen Zeltplatz. Als auch nach einer Dreiviertel-Stunde niemand kommt, fahren wir weiter Richtung Valle, denn inzwischen ist es viertel nach Acht und wir wollen auf jedem Fall vor der Dämmerung einen Platz finden. Es geht ständig bergauf und bergab, zwar keine langen Anstiege, aber dafür umso häufigere, und schon ziemlich erschöpft finden wir einen scheinbar halbwegs geeigneten Platz im Wald, etwas abseits der Strasse. Mühsam wuchten wir die Räder über den steinigen Pfad zum Zeltplatz und beginnen, die Taschen abzuladen. Doch der Angriff der Zecken-, Mücken- und Ameisenarmadas startet, bevor der erste Packsack mit dem Zelt ausgepackt ist. Schnell wird klar: Aus diesem Zeltplatz wird nichts! Schnell hetzen wir vor der Übermacht der Insekten flüchtend zurück zur Strasse, entfernen dort angekommen drei Zecken von unserer Haut und begutachten erstaunlich viele weitere Mückenstiche.

Es ist inzwischen viertel nach Neun und allerhöchste Zeit, endlich einen Platz fürs Zelt zu finden. Der Bedarf an weiteren Entdeckungstouren und dem erfolglosen Suchen nach einem Platz fürs Zelt ist für heute gedeckt, so dass wir uns entschliessen, doch wieder zurück zu fahren und den Campingplatz Kjonnöya anzusteuern, dessen Anfahrtsweg wir vor einer knappen Stunde passiert hatten. Jeder Radreisende weiss, wie schwer man sich überwindet, eine bereits gefahrene Strecke noch einmal zurück zu fahren, insbesondere, wenn man sie am nächsten Morgen noch ein drittes Mal fahren muss. Doch die Vernunft siegt und mit wirklich allerletzter Kraft und völlig erschöpft erreichen wir nach scheinbar endlosen Kurven und Anstiegen gegen 22.00h dann endlich den Campingplatz. Die Rezeption besteht aus einem kleinen Tisch im Flur des Hauses, an dass ich klopfe. Die Besitzerin bietet uns endlich den ersehnten Zeltplatz an, den wir nach vergleichsweise geringer, aber hart erkämpfter Tagesleistung von 52 km dankbar annehmen.



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